Das Wichtigste vorab: Ein Pflichtverteidiger ist kein „schlechter" Anwalt – aber ein spezialisierter Wahlverteidiger, den Sie selbst auswählen, hat in der Praxis entscheidende Vorteile. Wenn Sie die Wahl haben: Wählen Sie einen auf Strafrecht spezialisierten Anwalt – und beauftragen Sie ihn so früh wie möglich.
1. Der Grundsatz: Jeder Beschuldigte hat das Recht auf einen Verteidiger
Vielen Menschen, die zum ersten Mal mit einem Strafverfahren in Berührung kommen, ist nicht bewusst, dass sie von Beginn an das Recht haben, sich anwaltlich vertreten zu lassen – unabhängig davon, ob sie sich das leisten können oder nicht. Dieses Recht ist in § 137 StPO verankert und gilt ab dem ersten Moment des Ermittlungsverfahrens.
In der Praxis in Leipzig erlebe ich es regelmäßig: Beschuldigte erhalten eine Vorladung, sind verunsichert – und fragen sich, ob sie überhaupt einen Anwalt brauchen oder ob der „staatliche Anwalt" ausreicht. Diese Frage ist wichtiger, als viele denken. Denn die Entscheidung zwischen Pflichtverteidiger und eigenem Wahlverteidiger kann den Ausgang eines Strafverfahrens maßgeblich beeinflussen.
2. Was ist ein Pflichtverteidiger? Definition und rechtliche Grundlage
Der Begriff „Pflichtverteidiger" klingt nach einem Anwalt zweiter Klasse – einem, der einem aufgezwungen wird, weil man sich nichts Besseres leisten kann. Dieses Bild ist falsch, aber es enthält einen Kern Wahrheit, den ich gleich erläutern werde.
Rechtlich gesehen ist ein Pflichtverteidiger ein ganz normaler Rechtsanwalt, den das Gericht dem Beschuldigten beiordnet, wenn ein Fall der sogenannten notwendigen Verteidigung vorliegt. Die Grundlage ist § 140 StPO. Der entscheidende Unterschied zum Wahlverteidiger liegt nicht in der beruflichen Qualifikation, sondern im Auswahlprozess und in der Vergütung.
„Die Mitwirkung eines Verteidigers ist notwendig, wenn [...] zu erwarten ist, dass die Hauptverhandlung im ersten Rechtszug vor dem Oberlandesgericht oder dem Landgericht stattfindet, [...] dem Beschuldigten ein Verbrechen zur Last gelegt wird, [...] sich der Beschuldigte mindestens drei Monate in Untersuchungs- oder Strafhaft befindet [...]"
Wann wird ein Pflichtverteidiger zwingend bestellt?
Ein Pflichtverteidiger wird in den Fällen der notwendigen Verteidigung bestellt. Die wichtigsten Fallgruppen nach § 140 StPO sind:
- Verbrechen: Dem Beschuldigten wird ein Verbrechen zur Last gelegt (Mindeststrafe 1 Jahr)
- Drohende Freiheitsstrafe: Es ist zu erwarten, dass die Strafe ein Jahr übersteigt
- Untersuchungshaft: Der Beschuldigte befindet sich in U-Haft oder wird vorgeführt
- Hauptverhandlung vor Landgericht oder OLG: Verfahren vor höheren Gerichten
- Schwierige Sach- oder Rechtslage: Wenn die Komplexität des Falls anwaltliche Vertretung gebietet
- Unfähigkeit zur Selbstverteidigung: Bei tauben, stummen oder psychisch erkrankten Beschuldigten
- Nebenklageverfahren: Wenn dem Nebenkläger ein Anwalt beigeordnet wurde
Wer bezahlt den Pflichtverteidiger?
Hier liegt eines der hartnäckigsten Missverständnisse: Der Pflichtverteidiger ist kein kostenloser Anwalt auf Staatskosten. Die Staatskasse bezahlt ihn zwar zunächst – aber im Falle einer Verurteilung werden dem Angeklagten sämtliche Verfahrenskosten auferlegt, einschließlich der Pflichtverteidigergebühren. Nur bei Freispruch oder Verfahrenseinstellung trägt die Staatskasse die Kosten dauerhaft.
Wichtiger Hinweis: Die Gebühren des Pflichtverteidigers liegen nach dem RVG deutlich unter denen eines Wahlverteidigers. Das bedeutet: Der Pflichtverteidiger erbringt dieselbe Leistung – wird dafür aber erheblich schlechter bezahlt. Das hat in der Praxis Konsequenzen für den zeitlichen Aufwand, den er investieren kann.
3. Was ist ein Wahlverteidiger? Freiheit der Wahl als strategischer Vorteil
Ein Wahlverteidiger ist ein Rechtsanwalt, den Sie selbst aussuchen und beauftragen. Sie schließen mit ihm einen Anwaltsvertrag, zahlen sein Honorar – und erhalten dafür im Gegenzug eine Verteidigung, die vollständig auf Ihre Interessen ausgerichtet ist.
Das klingt selbstverständlich – ist es aber nicht. Der entscheidende Unterschied liegt nicht darin, dass der Wahlverteidiger zwingend besser ist. Er liegt darin, dass Sie die Wahl haben: Sie können gezielt einen Anwalt suchen, der auf Strafrecht spezialisiert ist, Erfahrung in genau dem Delikt hat, das Ihnen vorgeworfen wird, und zu dem Sie von Beginn an Vertrauen aufbauen können.
„Ein Pflichtverteidiger ist in der Regel ein kompetenter Anwalt – aber er ist oft nicht spezialisiert, hat wenig Zeit und wurde Ihnen zugeteilt, nicht von Ihnen gewählt. Das Vertrauensverhältnis, das im Strafverfahren entscheidend ist, muss sich erst entwickeln. Beim Wahlverteidiger beginnt es vom ersten Gespräch an."
4. Die Unterschiede im direkten Vergleich
Auf dem Papier haben Pflicht- und Wahlverteidiger dieselben Rechte und Pflichten. In der Praxis ergeben sich jedoch erhebliche Unterschiede – die ich aus meiner täglichen Arbeit als Strafverteidiger in Leipzig kenne.
| Kriterium | Pflichtverteidiger | Wahlverteidiger |
|---|---|---|
| Auswahl | Durch das Gericht (mit Vorschlagsrecht des Beschuldigten) | Frei wählbar – nach Spezialisierung und Erfahrung |
| Spezialisierung | Nicht vorgeschrieben – kein Fachanwalt erforderlich | Gezielt nach Strafrecht-Expertise wählbar |
| Vergütung | Reduzierte RVG-Gebühren aus der Staatskasse | Höheres Honorar – direkter Anreiz für Engagement |
| Zeitaufwand | Oft begrenzt durch hohe Fallzahlen und niedrige Vergütung | Intensivere Betreuung und Erreichbarkeit |
| Vertrauensverhältnis | Muss erst aufgebaut werden – oft unter Zeitdruck | Entsteht durch bewusste Auswahl von Anfang an |
| Wechselmöglichkeit | Nur in engen Ausnahmefällen möglich (§ 143a StPO) | Jederzeit möglich |
| Kosten bei Freispruch | Trägt die Staatskasse | Differenz zwischen Honorar und RVG-Erstattung selbst tragen |
5. Der häufigste Irrtum: Mandanten erwarten vom Pflichtverteidiger das Maximum
In meiner Praxis als Strafverteidiger in Leipzig beobachte ich einen Widerspruch, der immer wieder auftritt: Mandanten, die einen Pflichtverteidiger erhalten haben, erwarten von ihm dasselbe wie von einem hochspezialisierten Wahlverteidiger – intensive Betreuung, strategische Ausarbeitung der Verteidigung, ständige Erreichbarkeit und maximales Engagement.
Diese Erwartung ist menschlich nachvollziehbar, aber sie kollidiert mit der Realität. Ein Pflichtverteidiger wird nach einem deutlich reduzierten Gebührensatz vergütet. Er nimmt häufig viele Pflichtverteidigungsmandate gleichzeitig an – nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil er seinen Kanzleibetrieb finanzieren muss. Die Zeit, die er für einzelne Fälle aufwenden kann, ist dadurch begrenzt.
Das bedeutet nicht, dass Pflichtverteidiger schlechte Arbeit leisten. Es bedeutet: Wer das Maximum will, sollte aktiv handeln – und nicht darauf warten, dass ihm ein Verteidiger zugeteilt wird.
6. Praxisbeispiel: Wie die Wahl des Verteidigers den Ausgang beeinflusst
Ein Mandant – nennen wir ihn Herrn M. – wurde wegen Körperverletzung nach einer Auseinandersetzung in der Leipziger Innenstadt angeklagt. Der Fall schien auf den ersten Blick eindeutig: Zeugenaussagen, ein Polizeibericht, ein leicht erhöhter Promillewert. Herr M. hatte zunächst keinen eigenen Anwalt und wartete auf die Beiordnung eines Pflichtverteidigers.
Der bestellte Pflichtverteidiger sah den Fall nach kurzer Akteneinsicht als wenig aussichtsreich an und riet zu einer Absprache – einer Verurteilung mit einer Geldstrafe, um das Verfahren schnell zu beenden. Für Herrn M., der im öffentlichen Dienst arbeitete, wäre eine Vorstrafe jedoch existenzgefährdend gewesen.
Er wandte sich daraufhin an unsere Kanzlei in Leipzig. Bei genauer Prüfung der Akte zeigte sich: Ein Zeuge hatte nachweislich widersprüchliche Aussagen gemacht, und der Polizeibericht enthielt Dokumentationsfehler. Mit einer gezielten Verteidigungsstrategie – Beantragung einer erneuten Zeugenvernehmung und Infragestellung der Beweiskette – wurde das Verfahren schließlich eingestellt.
Das Ergebnis: Keine Vorstrafe, kein Eintrag im Führungszeugnis, keine beruflichen Konsequenzen. Ein Ergebnis, das ohne intensive anwaltliche Begleitung so nicht möglich gewesen wäre.
7. Können Sie Ihren Pflichtverteidiger selbst wählen?
Ja – und das wissen die wenigsten Betroffenen. Das Gesetz gibt Ihnen das Recht, dem Gericht einen bestimmten Rechtsanwalt als Pflichtverteidiger vorzuschlagen. Das Gericht folgt diesem Wunsch in der Praxis häufig, wenn zwei Voraussetzungen erfüllt sind: Der Anwalt muss zur Übernahme des Mandats bereit sein, und er muss rechtzeitig – in der Regel innerhalb einer gesetzten Frist – benannt werden.
Das bedeutet: Wer früh handelt, kann denselben spezialisierten Strafverteidiger als Pflichtverteidiger beigeordnet bekommen, den er sich auch als Wahlverteidiger ausgesucht hätte. Der praktische Unterschied liegt dann nur noch in der Vergütung – die der Mandant im Falle einer Verurteilung ohnehin zurückzahlen muss.
Achtung: Viele Kanzleien übernehmen Pflichtverteidigungen nicht oder nur eingeschränkt, weil die Vergütung weit unterhalb des tatsächlichen Aufwands liegt. Klären Sie frühzeitig, ob der gewünschte Anwalt bereit ist, das Mandat als Pflichtverteidiger zu führen.
8. Den Pflichtverteidiger wechseln – so schwierig ist es wirklich
Wer mit seinem Pflichtverteidiger unzufrieden ist, steht vor einem rechtlichen Problem: Ein Wechsel ist nach § 143a StPO nur in eng begrenzten Ausnahmefällen möglich. Die Rechtsprechung setzt dabei hohe Hürden.
- Zerstörtes Vertrauensverhältnis: Nur wenn das Verhältnis endgültig und nachweislich zerrüttet ist – bloße Unzufriedenheit genügt nicht
- Zu kurze Fristsetzung: Wenn die ursprüngliche Frist zur Benennung eines Verteidigers unangemessen kurz war
- Bestellungsfehler: Wenn bei der Bestellung formale Fehler gemacht wurden
- Berufsrechtliche Verstöße: Bei nachgewiesenen schwerwiegenden Pflichtverletzungen des Verteidigers
In der Praxis bedeutet das: Wer einmal einen Pflichtverteidiger hat, mit dem er unzufrieden ist, sitzt oft fest. Das ist einer der stärksten Argumente dafür, von Anfang an aktiv zu handeln und sich selbst einen Verteidiger zu suchen – anstatt die Entscheidung dem Gericht zu überlassen.
Weiterführend: Beschuldigter in einem Strafverfahren – welche Rechte haben Sie?
9. Frühzeitig handeln: Warum der Zeitpunkt der Beauftragung entscheidend ist
Einer der häufigsten Fehler, den ich in meiner Praxis in Leipzig beobachte: Beschuldigte warten zu lange. Sie erhalten eine Vorladung, denken „das wird schon nicht so schlimm" – und melden sich erst, wenn das Verfahren bereits weit fortgeschritten ist. Zu diesem Zeitpunkt sind viele Weichen bereits gestellt.
Die Frühphase eines Ermittlungsverfahrens ist die wichtigste. Hier werden Beweise gesichert oder vernichtet, Zeugen befragt, Akten angelegt. Wer in dieser Phase keinen Verteidiger hat – oder einen, der das Mandat erst kurzfristig übernimmt – verliert wertvolle Möglichkeiten zur Einflussnahme.
Warum frühe Beauftragung so wichtig ist
Weiterführend: Muss ich zur polizeilichen Vorladung erscheinen? und Schweigerecht – was darf man?
10. Die klare Empfehlung: Wählen Sie einen spezialisierten Strafverteidiger
Nach allem, was ich in meiner Praxis als Strafverteidiger in Leipzig erlebt habe, ist meine Empfehlung eindeutig: Wenn Sie die Möglichkeit haben, einen eigenen Anwalt zu beauftragen – tun Sie es. Nicht weil Pflichtverteidiger schlechte Arbeit leisten, sondern weil Sie damit drei entscheidende Vorteile haben.
Erstens: Sie wählen nach Spezialisierung. Ein Strafverteidiger, der seit Jahren ausschließlich im Strafrecht tätig ist, kennt die lokalen Gerichte, die Staatsanwälte, die Richter und die typischen Verfahrensstrategien. Dieses Wissen lässt sich nicht aus Lehrbüchern gewinnen – es entsteht durch Erfahrung. Ein Pflichtverteidiger muss kein Fachanwalt für Strafrecht sein.
Zweitens: Sie wählen nach Vertrauen. Im Strafverfahren müssen Sie Ihrem Verteidiger Dinge anvertrauen, die Sie noch keinem Menschen erzählt haben. Dieses Vertrauen entsteht nicht durch Zuteilung – es entsteht durch ein Gespräch, durch das Gefühl, verstanden zu werden. Wählen Sie den Anwalt, dem Sie vertrauen.
Drittens: Sie behalten die Kontrolle. Als Mandant eines Wahlverteidigers können Sie jederzeit wechseln, die Strategie hinterfragen und Ihr Mandat neu ausrichten. Das ist mit einem Pflichtverteidiger kaum möglich.
Empfehlung – das sollten Sie tun
Weiterführend: Hausdurchsuchung – wie sollte ich mich verhalten?
FAQ – Häufige Fragen zu Pflichtverteidiger und Wahlverteidiger
§ 137 StPO – Recht auf Verteidiger · § 140 StPO – Notwendige Verteidigung · § 141 StPO – Bestellung des Pflichtverteidigers · § 143a StPO – Wechsel des Pflichtverteidigers · § 144 StPO – Sicherungsverteidiger
Wikipedia: Pflichtverteidiger (Überblick) · Rechtsanwaltsvergütungsgesetz (RVG)
Rechtsanwalt Torsten Stern – Strafverteidiger in Leipzig
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